Wieder ist jemand in unserem näheren Bekanntenkreis gestorben. In den letzten Jahren haben wir leider einige – auch nahe stehende – Menschen verloren.
Diesmal ein Jugendfreund von Walter. Ich kannte ihn nicht. Walter jedoch war sehr betroffen und einige Tage ziemlich durch den Wind. Sein Jugendfreund hatte Lungenkrebs, Diagnose im Dezember, Tod im Mai. Er war Selbständiger, hat gearbeitet bis zum Schluss. Nur die Familie wusste bescheid.
Ich kann nicht sagen, dass ich mich direkt mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert fühle, habe aber mittlerweile ein tiefes Verständnis davon, dass ich – im Rahmen meiner Möglichkeiten – mein Leben noch bewusster gestalten möchte.
Man übersieht sehr leicht, wie schnell die Zeit voranschreitet und mit unglaublicher Selbstverständlichkeit fügt man sich in ein System, das manchmal jegliche Balance aus einem Leben nimmt. Unreflektiert fügt man sich in die Vorstellungen Anderer. Nein, eigentlich fügt man sich gar nicht, sondern man will dazugehören, geliebt werden, erfolgreich sein, etwas leisten; und übersieht dabei leicht die eigene Lebensspur. Dennoch ist es die eigene Entscheidung. Man kann weitermachen, oder etwas ändern.
Viele Ideen, Wünsche, sogar ganze Lebenseinstellungen werden auf den „erlösenden“ Zeitpunkt verschoben: die Pension. Dann werde ich reisen, dann werde ich Klavier spielen lernen, dann werde ich mehr Sport machen, dann werde ich eine Sprache lernen, gesünder leben, etc… Walter’s Onkel hatte keine Möglichkeit mehr, solche und andere Lebensprojekte zu realisieren. Er hat die Pension nicht erlebt, starb an einem Darmbakterium, das er sich während einer Kur zugezogen hatte. Die Antibiotika haben nichts geholfen. Multiorganversagen mit 63. Walters Cousin wurde 43; Krebs. Zwei von Walters Jugendfreunden starben im Alter von 40 und 49. Ebenfalls Krebs. Die Liste ist noch nicht zu Ende, aber für hier reicht das vorerst.
Ich weiss, viele Menschen erzählen davon, dass solche Tragödien sie wachgerüttelt haben und auch mich hat dies natürlich beeinflusst (jedoch viel mehr bestärkt in meinem Denken). Trotzdem frage ich mich, warum wir diese Tragödien brauchen, um aufzuwachen. Um einen neuen Job anzustreben, um eine lange Reise zu unternehmen, um etwas aufzugeben oder anzufangen. Oder dem Leben eine komplett neue Richtung oder Sinn zu geben.
Viel sinnvoller als alles auf später zu verschieben finde ich es, sich von Zeit zu Zeit ein paar Fragen zu stellen und ehrlich zu beantworten. Sonst ist man vielleicht selbst eines Tages die beispielgebende Tragödie.
„Fühle ich mich glücklich?“ „Fühle ich mich wohl in meinem Alltag?“ „Welches Leben würde ich gerne führen, wenn ich könnte wie ich wollte?“ „Wenn ich an meinem Sterbebett auf mein Leben zurückschaue, welche Erinnerungen hätte ich gerne an dieses Leben? Was hätte ich (anders) gemacht?“
Man kann nicht ehrlich genug zu sich selbst sein. Auch ich stelle mir ähnliche Fragen. Auf manche habe ich keine konkrete Antwort, wusste aber an manchen Punkten was ich NICHT wollte. Von diesen Dingen habe ich mich danach schnellstmöglich verabschiedet.
Unabhängig davon, wie alt wir werden, sollten wir unser derzeitiges Leben ganz bewusst gestalten; denn jedes Jahr, in dem wir unglücklich sind mit dem was wir selbst tun, ist ein verlorenes Lebensjahr. Gut, es gibt Dinge, die schwieriger zu lösen sind als andere. Dennoch hat man meistens ein paar Möglichkeiten. Zeit für ein Gedankenexperiment?
Wenn ein Gedanke erst einmal formuliert ist, so hat er schon einige Kraft. Daher lade ich euch ein, HIER richtig d’raufloszuträumen und unter diesem Post eine Antwort zu einer der oben genannten Fragen zu schreiben. Oder einfach einen richtig grossen Wunsch zu formulieren, den ihr habt. Etwas, das euch wichtig wäre zu tun, zu erleben, zu sehen, zu lernen, zu ändern…