Stimmt schon, wir sind losgefahren, um Abenteuer zu erleben; an sowas hatten wir dabei jedoch nicht gedacht. Vielleicht sollten wir Wünsche etwas genauer formulieren?
Auf der Autobahn Richtung Barcelona überholt uns ein Wagen, jemand gestikuliert wild aus dem Fenster und deutet auf unsere Räder, die am Heck des Autos angebracht sind. Walter geht vom Gas und visiert den nächsten Parkplatz an. Ich überlege, was für ein Problem der Fahrradträger haben könnte und beobachte im Rückspiegel die beiden Fahrradreifen, die sich kaum bewegen. Komisch. „Kein anderer Wagen hat uns auf etwas aufmerksam gemacht.“ sage ich zu Walter, der gerade auf den Parkplatz ausfährt. Da fällt mir eine Geschichte ein, die mir ein Fotografenkollege vor unserer Abfahrt erzählt hat. Ich hab keine Zeit mehr, alles zu erklären und sage nur: „Wenn dieses Auto jetzt dasteht, dann ist das eine Finte! Die versuchen, die Reifen anzustechen oder etwas zu klauen! Wir sperren das Auto ab, jeder bleibt auf einer Seite des Wagens.“ Walter schaut etwas ungläubig, sagt aber „Okay, alles klar.“
Der Wagen steht tatsächlich am Parkplatz. Fahrer im Auto. Da war doch noch jemand im Wagen!? Bei mir läuten mittlerweile alle Alarmglocken. Wir fahren vorbei, bleiben weiter weg stehen, steigen aus. Walter sperrt ab, wir kontrollieren die Fahrräder. Nix. Der spanische Autolenker schließt auf und redet auf uns ein. Walter geht ein paar Schritte hin, ich schau mich um und sehe, dass ein Zweiter auf unser Auto zugeht. Der Plan, soweit ich mich an die Geschichte richtig erinnere, ist, dass einer die Leute ablenkt und der Zweite einen Reifen ansticht, um später das liegengebliebene Auto auszuräumen, während die Leute mit Reifen wechseln beschäftigt sind. Ich stelle mich auf die andere Seite des Autos und bin stinkwütend. So eine ******Masche. Als er mich sieht, wechselt er die Strassenseite. Gut so.
Zurück im Auto analysieren wir die Situation. Wir hatten Glück, sehen die Typen noch 2x auf Parkplätzen und Raststätten. Sie überlegen, ob sie es nochmal anders versuchen, warten, ob wir das Auto allein lassen. Später in unserem Quartier finden wir unzählige Artikel im Internet, die alle auf dieses Problem auf den Autobahnen rund um Barcelona und Valencia aufmerksam machen und verschiedene Methoden beschreiben. Inklusive Gauner in Polizeiuniform. Nochmal Glück gehabt.. Vorerst.
Wie geschickt diese Strassenpiraten aber tatsächlich sind, müssen wir zu einem anderen Zeitpunkt miterleben: Bei unserer zweiten Ausfahrt in Barcelona halten wir an einer roten Ampel. Es ist viel los: Mopeds, Fahrräder, Fussgänger… Ein paar Seitenstrassen später hupt und winkt ein Mopedfahrer, unser Auto hätte ein Problem. Ich deute ihm, er soll weiterfahren und uns in Ruhe lassen, sehe aber im Rückspiegel, dass wir tatsächlich einen Platten haben. Walter hält etwas abseits an, wir steigen aus, sperren das Auto sofort ab. Der Reifen gibt zischend das letzte bisschen Luft ab. Grrrmpf…. An der roten Ampel nicht aufgepasst. Der Mopedfahrer. Arschgeige!
Plötzlich steht ein weiterer Mopedfahrer da, will uns Hilfe anbieten. Genau wie in den Berichten beschrieben. „No gracias!“ sage ich und meine eigentlich „verpiss dich!“ (Soweit sind wir aber im Spanischkurs noch nicht gekommen.) Er fährt nach ein paar missglückten Überzeugungsversuchen weiter. Gott-sei-Dank. Walter kümmert sich mittlerweile ums Reifenwechseln. Ich patrouilliere um das Auto, sperre auf und zu wenn er etwas braucht. Ich mache keinen Handgriff, lass ihn alleine arbeiten. Observiere demonstrativ die Umgebung. Zwei weitere Typen in einem Auto beobachten uns. Das ist also die angebotene Hilfe, die der Mopedfahrer schicken wollte. Ich fotografiere sie heimlich, soweit das geht. Daraufhin kommt einer zu uns, er weiss, er ist aufgeflogen und tut nun so, als würde er uns vor seinesgleichen warnen. Wir sollen aufpassen, dass niemand an unser Auto geht und die Türen öffnet. So! Er probiert mehrmals, ob abgesperrt ist, schaut in den Fahrerraum. Pech. Alles versperrt und weggeräumt. Da gibt es nichts zu sehen. Kurzer Wortwechsel, dann hauen sie ab. Bin nur froh, dass die Masche nicht heisst: Beute machen ohne wenn und aber … sondern vielmehr: nur wenn es sich leicht machen lässt und niemand etwas merkt.
„Die vom 24 Stunden Reifenservice arbeiten sicher mit denen zusammen“ höre ich mich sagen und muss grinsen, weil dasselbe mein Dad sagen würde. Walter ist erst überzeugt von der ganzen Masche, als diese uns bestätigen „Ja, Reifenstecher, kein Zweifel. Reparieren nicht möglich.“ Also, neuer Reifen. Auf der Heimfahrt überwache ich die Reifen der Beifahrerseite an jeder Ampel. Radmutternschlüssel in der Linken, Kamera in der Rechten. Fenster offen. Reine Drohgebärde.
Tags darauf steigen wir um auf Zug und Segelboot, man ist ja lernfähig…