Vor zwanzig Tagen haben wir unseren letzten Anker (das Haus) an den neuen Eigentümer übergeben. Heute sitze ich in Barcelona und beobachte die Stadt und meine Gedanken. Wir werden hier für einen Monat wohnen. Ganz als gehörten wir hier her. Mitten in einer Millionenstadt. Ein wahr gewordenes Gedankenexperiment.
Ich dachte lange, alle halten uns für total verrückt. Alles verkaufen, alles aufgeben; zwei erfolgreiche Geschäfte, ein Traumhaus. Zehn Jahre haben wir unsere ganze Kraft ausschließlich in das jeweilige und das jeweils andere Geschäft gesteckt. Mit Spass, mit Erfolg, mit Hingabe, mit 100-Stunden-Wochen, mit Freudentränen und Durchsetzungswillen wenn nötig. Gleiches gilt für unser Traumhaus in einer grünen Oase, zwei Jahre lang haben wir danach gesucht. Mit Schwimmteich und allem Idyll, was man sich so vorstellt. Verkauft. Weg. Alles auf Anfang. Total bescheuert?
Wenn ich mir eingestehe, dass sich Wünsche und Bedürfnisse oder Menschen an sich mit der Zeit verändern ist das gar nicht bescheuert, sondern logisch. Wenn man darüber hinaus ehrlich zu sich selbst ist und seine Wünsche aktiv erforscht und hinterfragt, hat man gute Chancen sein Leben immer wieder neu zu gestalten. Ich sage nicht, es sei einfach. Ich sage nur, es zahlt sich aus! Wenn ich mich frage „Willst du in 10 Jahren noch diesen Job machen, den du heute machst?“ und diese Frage mit „nein“ beantworte, dann muss ich besser heute als morgen etwas ändern. Fin. Ende. Punkt. Mein Leben, meine Verantwortung. Auch ich habe mir diese Frage gestellt. Ich bin immer noch mit Leidenschaft Fotograf, daran wird sich auch nichts ändern. An meinem Alltag hat sich jedoch sehr viel geändert.
Menschen träumen. Vom Leben in der Sonne, ein anderer Job, ein anderer Partner, ein anderes Leben, Traumreise, irgendetwas das sich kaufen lässt, was auch immer. Meistens folgt auf jede Idee ein Grund, der dagegen spricht. Man verwirft den Gedanken noch bevor er zu Ende gedacht, oder auf Wichtigkeit oder Durchführbarkeit geprüft wurde. Aus Angst? Wovor? Vor den eigenen Entscheidungen? Das macht doch keinen Sinn! Darauf habe ich immer bestanden: Ideen dürfen ausgesprochen, diskutiert, verworfen, verfolgt oder aufgehoben werden. Es sind nur Gedankenexperimente. Es ist die einfachste Möglichkeit, um unser Tun und unsere Zukunft (inklusive der nötigen Handlungen und Konsequenzen) von allen möglichen Seiten zu betrachten. Bis hier gibt es noch keine einschneidende Veränderung. Ausser Einsicht. Oder neue Blickwinkel. Und das ist das Wichtigste an Gedankenexperimenten. Mutige können sich dann für die vermeintlich beste, schönste, aufregendste, (…) Idee entscheiden. Oder eben alles dabei zu belassen wie es ist, weil es sich so genial anfühlt.
Es ist es windig. Gutes Wetter, um die Stadt durch die Glasscheibe des Cafes zu beobachten. Unser Gedankenexperiment ist keines mehr, wir haben es real gemacht und dafür sehr viel getan. Kontrastprogramm! Freu mich darauf!
