T58 – Mit Motor zum Segeln

Ich will Segeln. Ausserdem will ich mir auch jederzeit ein Segelboot ausleihen können. Was also ist naheliegender, als einen Segelschein zu machen.Wohin sollte man sich begeben wenn man segeln lernen möchte? Genau. Ans Meer. Super, dort bin ich ja gerade! Sollte passen! Von wegen sollte passen. Wer meint, eine Insel im Mittelmeer wäre der perfekt Ort um eine Segelausbildung zu machen, der irrt genau wie ich.

Natürlich werden auf Mallorca – ist ja quasi das 17. Bundesland – deutsche Yachtsegelkurse und sogar Prüfungen angeboten. Auf Nachfrage habe ich erfahren, dass sogar Österreicher diesen deutschen Schein erwerben dürfen! Ich bin begeistert und übe bereits an meinem Dialekt.

Die Freude währt aber nur kurz, denn nachdem jede Yacht einen Motor besitzt – in der Regel mit mehr als 15PS – ist diese Yacht im Auge des Gesetzgebers keine Segelyacht, sondern eine Motoryacht. Aha. Gut. Und weiter? Nun, für das Führen einer Motoryacht braucht man einen Motorbootschein! Nochmal „Aha“.

Gut, dann mach‘ ich halt auch noch den Motorbootschein. Wie gesagt, bin ja auf Mallorca; mehr Motorboote pro Quadratmeter gibt’s ja kaum wo.

Dank intensiver Recherche habe ich folgendes festgestellt: JA, es gibt Motorbootkurse auf Mallorca, und NEIN, es gibt keine Prüfung auf der Insel. Dazu muss man nach Deutschland fliegen. Was? Wie? Warum? Und natürlich kosten die Kurse hier auf Mallorca fast das Doppelte als in Deutschland.

In mir reift ein genialer Plan. Ich such mir einen Kurs in Deutschland, setz mich in den Flieger, lass meine Frau und Mallorca mal ohne mich aufeinandertreffen, mach die Prüfung und komm wieder zurück. Genial. Von einer warmen, sonnigen, chilligen Mittelmeerinsel die von Booten am blauem Meer nur so wimmelt ins kalte, leicht verregnete Norddeutschland, wo das Meer grau und die Möwen schwermütig sind.

Diesen Plan unterbreitete ich meiner Frau eher als Scherz gedacht – sie schaut mich an und sagt: „Super Idee, wann bist wieder da?“

Verdattert drehe ich mich um, setze mich zum Computer und habe in nicht einmal einer Stunde alles gebucht: Flug – morgen (Samstag), Intensivkurs in Travemünde – startet Montag, Prüfung am Samstag darauf, also eine Woche später bin ich wieder zurück. Hoffentlich als geprüfter Motorbootfahrer.

Um möglichst nahe am Geschehen zu sein, habe ich das Angebot der Segelschule angenommen, gleich das Quartier in Travemünde mit zu buchen – eine „Segellast“ – zwei Stockwerke über der Segelschule mitten in der Marina.

Ich bin gespannt was ich unter einer Segellast zu verstehen habe, finde aber ziemlich bald nach meiner Ankunft heraus, dass es sich um zwar einfache, aber saubere 12 Quadratmeter mit Bett, Dusche, WC und kleiner Kochnische handelt. Mit perfekter Aussicht auf eine Reihe Segelboote und die Travemündung sowie die im 4 Stundentakt ein- und auslaufenden Fähren.

Statt eines Weckers gibt’s jeden Tag ab 6 Uhr in der Früh ein Möwenkonzert. In Moll. Schwermütig. Warum auch immer. Vielleicht würden sie ja auch lieber auf einer Mittelmeerinsel sein.

Nach einer Woche Intensivkurs, Navigation, Knoten üben und dem einen oder anderem Fischbrot mit Alsterwasser und neuen Freunden, fliege ich als geprüfter Motorbootfahrer wieder zurück zu meiner Frau und der Insel im Mittelmeer, die uns noch viel länger dabehalten sollte, als ich zu dieser Zeit ahne.